Mit Technik Barrieren überwinden

Friedrich Praus und Christoph Veigl erklären, wie die Forschung im Bereich der unterstützenden Technologien Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten zu Gute kommt. 
 

Christoph Veigl (links) und Friedrich Praus

Christoph Veigl (links) und Friedrich Praus

Seit mehreren Jahren wird an der FH Technikum Wien in den Bereichen Assistive Technologien und Smart Homes geforscht. Hier geht es um Technik, die den Alltag erleichtern soll beziehungsweise darum, Technik für verschiedene Personengruppen überhaupt zugänglich zu machen, also um die Verbindung von Technik mit Diversity & Inclusion. Die Hauptzielgruppen sind Menschen mit Behinderung und ältere Personen. Profitieren kann aber die gesamte Gesellschaft.  

Im Rahmen mehrerer von der Stadt Wien und der Europäischen Union geförderter Projekte sind nachhaltige Kompetenzen entstanden, die sich in neuen Forschungsprojekten ebenso niederschlagen wie in der Lehre und in der Praxis: ein Interview mit  FH-Prof. Mag. DI Friedrich Praus und DI Christoph Veigl vom Institut für Embedded Systems.

Was versteht man unter Assistiven Technologien?

Christoph Veigl: Das sind Technologien, die Menschen helfen, Barrieren zu überwinden, beispielsweise eine Beeinträchtigung des Sehens, Sprechens oder der motorischen Fähigkeiten. Die Unterstützung dafür kann ein einfaches oder komplexes technisches Gerät liefern – zum Beispiel eine Brille oder eine moderne Beinprothese –, aber auch eine IT-gestützte Dienstleistung.

Friedrich Praus: Wenn man das Thema etwas weiter fasst, kann man auch bei älteren Personen anknüpfen. Im Projekt ModuLAAr geht es beispielsweise um die Nutzbarmachung von Technologien für diese Gruppe, aber ebenso um Komfort und Sicherheit im Umfeld eines Smart Home auf dem neuesten technischen Stand.

Sie haben ein erstes Projekt angesprochen. Die Forschungsaktivitäten in diesem Bereich sind mittlerweile sehr vielfältig. Können Sie noch ein paar weitere Projekte beschreiben?

Veigl: Bei uns am Institut für Embedded Systems hat es mit der Teilnahme am EU-weiten Forschungsprojekt AsTeRICS im Jahr 2010 begonnen. Hier haben wir ein flexibles und kostengünstiges Baukastensystem für Unterstützungstechnologien entwickelt. Das laufende Projekt AsTeRICS Academy inklusive der Vienna Summer School for Assistive Technology baut auf diesen Ergebnissen auf. Mit Prosperity4All beteiligen wir uns an einem weiteren EU-weiten Projekt, das neue Möglichkeiten der barrierefreien Gestaltung von Technik auslotet.

Praus: Im Projekt ViTAl beschäftigen wir uns ebenfalls mit Technologien zur Unterstützung von alltäglichen Aufgaben für ältere und körperlich eingeschränkte Personen. Im Rahmen des Projekts ULEA werden ein Unterrichtslabor und Kompetenzen in der der Lehre für genau diesen Bereich aufgebaut.

Wie sehen einzelne praktische Maßnahmen aus – etwa bei der Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung?

Veigl: Personen mit schweren körperlichen Einschränkungen können Computer nicht auf herkömmlichem Weg verwenden. Uns geht es darum, Möglichkeiten zu schaffen, damit diese Menschen wieder am gesellschaftlichen Leben oder sogar am Arbeitsleben teilnehmen können. Manchmal ist das Ziel aber auch, dass sie den Computer zu Unterhaltungszwecken nutzen können oder um die eigene Kreativität auszuleben. Es gibt Beispiele, wo die Leute angefangen haben, am Computer zu malen. Das ist natürlich die Optimalvorstellung. Aktuell arbeiten wir mit einem 18-Jährigen mit einer schweren Muskelerkrankung. Für ihn ist wichtig, dass er sich überhaupt wieder mit etwas beschäftigen kann. Früher hat er gerne Computer gespielt, konnte das jetzt eine Zeit lang nicht mehr. Mithilfe von Assistiven Technologien funktioniert es jetzt besser als zuvor.

Das heißt, jeder Fall ist eigentlich ein Individualfall?

Veigl: Schon abgesehen von einer Behinderung bringt jede und jeder ganz unterschiedliche individuelle Fähigkeiten mit. Je nach Art der Einschränkung kann es darüber hinaus schwierig sein, überhaupt Kontakt zur betreffenden Person aufzunehmen. Man denke an Behinderungen des kognitiven Apparats. Deshalb eignet sich das Baukastensystem, das wir entwickelt haben, sehr gut. Man geht nicht mit einer fertigen Lösung zu den KlientInnen, sondern sieht sich am jeweiligen Fall an, was sinnvoll. Manchmal klappt es auch nicht. Die Herausforderung ist, alles bestmöglich und auf die Person bezogen zu versuchen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit älteren Menschen aus?

Praus: Hier lautet die Zielsetzung, dass sie sicher zuhause leben können und nicht von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Im Rahmen des betreuten Wohnens ist auch das Personal vorhanden, das die Technologie an die Leute heranführen kann. Aufgrund der demographischen Struktur geht es übrigens vor allem um Frauen. Und auch das Betreuungspersonal besteht mehrheitlich aus Frauen. Die betreuten Personen und auch viele der Betreuerinnen im Rahmen des Projekts ModuLAAr haben sicher insgesamt weniger mit Technologie „am Hut“ gehabt. Außerdem haben Menschen in höherem Alter natürlich eine ganz andere Herangehensweise an die Technik. Da war sehr viel Beratung nötig. Dafür ist es aber dann auch sehr gut angekommen, vor allem was die Kommunikation betrifft. Wenn man plötzlich regelmäßig aktuelle Fotos von den Enkelkindern bekommt, ist das natürlich eine Freude.

Man merkt an den Beispielen, dass die Arbeit schon stark über eine rein technische Tätigkeit hinausgeht.

Praus: Auf jeden Fall. Es geht nicht nur darum, vor dem Bildschirm zu sitzen und etwas zu programmieren, sondern auch darum, die Entwicklungen auf sinnvolle Weise an die Frau oder den Mann zu bringen.

Veigl: Für mich ist dieses Wechselspiel aus Entwickeln und dem Versuch, es anzuwenden, besonders schön. Es funktioniert natürlich nur in Zusammenarbeit mit den Menschen. Natürlich entstehen aus den Einzelfällen dann standardisierte Lösungen, von denen andere profitieren können. Im Rahmen des benutzerInnenorientierten Designs profitieren ohnehin alle: Wenn man es schafft, Systeme niederschwelliger und klarer zu gestalten, hilft das der gesamten User-Bandbreite, nicht nur jenen mit Einschränkungen.

Würden Sie sagen, Ihre Arbeit erfüllt dadurch eine gewisse soziale Verantwortung?

Veigl: Neue Technologien bieten Möglichkeiten der Teilhabe an der Gesellschaft. Man spricht in diesem Zusammenhang von E-Inclusion. Wir produzieren ein Open-Source-System. Darin sehe ich eine Möglichkeit, der Gesellschaft, die uns ja auch finanziert, etwas zurückzugeben. Andere Institutionen und Privatpersonen können teilweise kostenfrei von unseren Forschungsergebnissen profitieren.

Praus: Zu unserer Arbeit gehört es auch, diese Technologien in der Breite der Bevölkerung bekannt zu machen. Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Forschung, der Wiener Töchtertag oder das Wiener Forschungsfest spielen hier eine wichtige Rolle.

Ist auch die Lehre Teil dieser sozialen Verantwortung?

Praus: Über die Stiftungsprofessur Ambient Assistive Technologies der Stadt Wien sowie dem AsTeRICS Projekt haben wir das Thema früh in die Lehre integriert. Die Forschungsideen und Forschungslösungen fließen über unzählige Bachelor- und Master-Arbeiten in unterschiedlichen Studiengängen (Embedded Systems, Gesundheits- und Rehabilitationstechnik, Biomedical Engineering, Biomedical Engineering Sciences, Informations- und Kommunikationssysteme) in die Lehre einein. Im neuen Bachelor-Studiengang Smart Homes und Assistive Technologien (vorbehaltlich der Akkreditierung durch die AQ Austria, Anmerkung) sind die angesprochenen Themen natürlich ein essenzieller Bestandteil.  In der Lehre merkt man auch, dass es sich um einen rundum interdisziplinären Bereich handelt. Der neue Bachelor-Studiengang richtet sich nicht nur an Personen, die ohnehin einen Bezug zu Technik haben, sondern auch an solche, die die Sache weiterbringen wollen und die Fähigkeiten erlernen wollen, die dafür nötig sind. 

Wien, Jänner 2015