Forschungsprojekt ENGINE sorgt mit virtueller Mobilität und Online-Laboren für Chancengleichheit

Die FH Technikum Wien versteht sich nicht nur als international ausgerichtete Fachhochschule, die die interkulturelle Kompetenz ihrer Studierenden und MitarbeiterInnen fördert, sondern legt auch großen Wert auf Vielfalt. Das bedeutet, dass bei allen Projekten, vor allem aber im Zuge der Internationalisierung, die Vielfalt der Lebensbedingungen, die kulturellen Unterschiede und die jeweiligen individuellen Lebensrealitäten und Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Johannes Rauer und Michael Kroiss beschäftigen sich deshalb im Zuge des Forschungsprojektes ENGINE um die Entwicklung von Online-Laboren und ein Internationalization-at-Home-Projekt, die die Chancengleichheit hinsichtlich Gender und Diversität für Studierende und Lehrende der FH Technikum Wien sowie aller internationalen Partnerhochschulen erhöhen sollen.

Johannes Rauer und Michael Kroiss

Online-Labore und Online-Übungen

Besonders im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich ist die Ausbildung mittels Labor- und Übungseinheiten unumstritten. Die praktische Anwendung von Gelerntem führt zu besserem Verständnis für wissenschaftlich Konzepte, erhöht die Motivation von Studierenden und fördert die Entwicklung von Problemlösungsfähigkeiten. Bei „Blended-Learning“ (=integriertes Lernen) werden Präsenzveranstaltungen und E-Learning-Angebote kombiniert, um die Vorteile beider Lehrformen optimal zu nutzen. Durch den Einsatz von virtuellen Laboren und Übungen werden die klassischen Säulen der Lehre mit Online-Selbstlernphasen der Studierenden verzahnt.

Die unter ENGINE entwickelten Online-Labore werden jeweils als Simulation, als auch als reales Labor über das Internet angeboten. Die Laborgeräte wurden an der FH Technikum Wien aufgebaut, mit Webcams ausgestattet und ans Internet angeschlossen. In den virtuellen Laboren wurden die real vorliegenden Geräte in einer Simulationsumgebung nachgebaut und können wie die echten Geräte angesteuert werden. Bei der Erarbeitung von Lehr- und Lernmaterialien wurde besonders auf Chancengleichheit und Gleichstellung aller Lernenden geachtet (gendergerechte Aufbereitung der Inhalte, Sprache und Didaktik).

Als wesentlicher Vorteil für Studierende hinsichtlich der Nutzung von Online-Laboren und Online-Übungen ist die ort- und zeitunabhängige Durchführbarkeit hervorzuheben. Dies erhöht die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie und ermöglicht den Studierenden ein an das individuelle Tempo angepasstes Lernen. Die im Rahmen von ENGINE entwickelten virtuellen Laboranordnungen erlauben es außerdem, eine ingenieurtechnische Aufgabenstellung beliebig oft zu wiederholen. Im Gegensatz zu physischen Labortests gibt es keinen Materialverbrauch und eine unsachgemäße Handhabung zerstört die empfindlichen technischen Komponenten nicht. Zudem erleichtert der Wegfall des Zeitfaktors Studierenden mit langsamerer Lerngeschwindigkeit die Problembewältigung.

Es kommt dadurch zu neuen Lerneffekten und zusätzlich können auch Personen, die mobilitätseingeschränkt sind, gut erreicht werden. Mobilitätseingeschränkt kann hier sehr weit gefasst werden, beinhaltet nicht nur die körperliche Verfassung von Studierenden (z.B. unterschiedliche Formen von Beeinträchtigungen), sondern auch das persönliche Umfeld (z.B. pflegebedürftige Angehörige, die nicht allein gelassen werden können) oder aber auch äußere Einflüsse, auf Grund derer Mobilität nicht möglich ist (z.B. Covid19 Lockdown). Dies gilt natürlich auch für Lehrende, die virtuelle Übungen und Labore einsetzen.

Das „Nicht-mehr-vor-Ort-sein-müssen“, welches in den E-Learning-Angeboten gelebt wird, verändert die Arbeitswelt. Damit umzugehen, das zu lernen und zu üben, ist ein zusätzliches Asset für die Zukunft. Dadurch, dass die gesamte Labor-Übung online durchgeführt wird, lernen Studierende implizit auch die Feinheiten der Arbeit mit Online Tools kennen.

Unter ENGINE wurde eine Plattform entwickelt, die die einfache Zurverfügungstellung von Online-Laboren und Übungen ermöglicht. Es wurde eine Server-Infrastruktur geschaffen, die einfach um Online-Labore erweitert werden kann. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf eine barrierefreie Gestaltung der Aufgabenstellungen gelegt. Hierzu zählen beispielsweise eine gute Lesbarkeit von Grafiken, ausführliche Bildbeschreibungen damit auch Personen mit Sehbeeinträchtigung die Übungen durchführen können oder die Verwendung von modernen Web-Standards um die Kompatibilität mit Bildschirmleseprogrammen zu ermöglichen.

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Virtuelle Mobilität

Globalisierung und der Trend zu einer internationalen Arbeitsteilung erfordern eine Ausbildung, die Studierende auf eine internationale Karriere vorbereitet. Daher wurde im Zuge von ENGINE eine internationale und interdisziplinäre Lehr-Fallstudie als Internationalization-at-Home-Maßnahme entwickelt. Studierende von Hochschulen aus der ganzen Welt werden zu international und interdisziplinär gemischten Teams zusammengestellt, die innerhalb von zwei Wochen eine Fallstudie lösen und online zur Benotung präsentieren. Die Schwierigkeit ergibt sich aus der geografischen Verteilung und dem unterschiedlichen Hintergrund der Teammitglieder, die gemeinsam diskutieren und Entscheidungen treffen müssen.

Bei der Entwicklung der Fallstudie wurde darauf geachtet, dass die Aufgabenstellungen auch Gender- und Diversitäts-Aspekte enthalten, die in kulturell gemischten Teams diskutiert werden müssen. Beispielsweise umfasst eine Aufgabe die Entwicklung eines Marketingkonzeptes für ein Produkt, mit dem besonders Frauen in einem gewissen Land angesprochen werden sollen. Damit wird gezielt die Diskussion über (vermutete) Unterschiede in der Stellung und in Verhaltensweisen von Frauen und Männern in verschiedenen Kulturen angeregt.

Besonders hinsichtlich Diversität handelt sich bei dieser Fallstudie um eine einzigartige virtuelle Mobilitätsmaßnahme. Sie bietet Menschen mit eingeschränkter physischer Mobilität (z.B. durch Betreuungspflicht oder körperliche Einschränkung), aber auch Personen, die nicht reisen möchten, eine internationale Erfahrung. Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass die Internationalisierung bzw. die kulturellen Einflüsse implizit erzeugt werden. Den Studierenden werden nicht Verhaltensregeln für die Arbeit mit verschiedenen Kulturen direkt unterrichtet, sondern sie lernen derartige Aspekte durch die Zusammenarbeit im Team. Die Fallstudie ist eine Teilinternationalisierung bei der die TeilnehmerInnen ihre Wohlfühloase zuhause nicht verlassen müssen. Sie zeigt, dass Internationalisierung nichts Teures oder Aufwändiges sein muss, sondern auch verhältnismäßig einfach lokal gefördert werden kann.

Bei einer ersten Durchführung der Fallstudie konnten 140 Studierende aus insgesamt 26 Nationen zusammenarbeiten. Trotz der herausfordernden Umstände gaben 85% der TeilnehmerInnen an, dass diese Fallstudie eine wertvolle Erfahrung für sie gewesen sei, ihre internationale Erfahrung gesteigert habe und sie sich dadurch besser auf ihr Arbeitsleben vorbereitet fühlten.

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