Interview: Konzentration auf das Wesentliche

Martin Lehner im Interview (c) FHTW

Herr Lehner, „viele Fragen – wenig Zeit“ ist das Motto des heutigen Interviews. Ich denke, Sie haben einen Vorschlag, wie wir damit umgehen, oder?

Naja, da müssten wir zuerst mal definieren, welche Fragen die wesentlichen sind. Und genau darin besteht die Herausforderung. Dazu kommt, je länger man als Fachmann oder Fachfrau in einem gewissen Bereich tätig ist, umso mehr weiß man. Das heißt, mit zunehmender Berufserfahrung wird es immer schwieriger, das Wichtigste herauszudestillieren. Außerdem ist für jeden etwas anderes wichtig. Letztlich ist auch dieses Interview eine dementsprechende Herausforderung. Eine gute Übung für diese Problematik sind die Siebe der Reduktion, die ich auch in meinem Buch „Viel Stoff – wenig Zeit“ beschrieben habe. Damit kann man sehr gut eine große Stoffmenge auf  unterschiedliche Zeitbudgets herunterbrechen.

Auf Ihr Buch wollte ich ohnehin zu sprechen kommen. „Viel Stoff – wenig Zeit“ ist 2013 in vierter Auflage erschienen? Was macht das Buch aus Ihrer Sicht so interessant?

Zunächst einmal adressiert es ein echtes Problem. Viel Stoff und wenig Zeit. Damit haben alle Lehrenden zu kämpfen, nicht nur an Hochschulen. Die Didaktik beschäftigte sich in den vergangenen zehn Jahren nur sehr wenig mit Inhalten. Im Vordergrund standen methodische Überlegungen wie beispielsweise Blended Learning und eLearning oder der Einsatz unterschiedlicher Medien, und nicht zuletzt spielte die Lernergebnisorientierung eine zunehmende Rolle. Die Inhalte wurden dabei eher vernachlässigt. Diese betreffen die Lehrenden aber enorm, denn Inhalte gut rüberzubringen ist nicht leicht. Ich habe mich in mehreren meiner Bücher auf dieses Thema konzentriert.

Abgesehen von den Inhalten, gelten an einer technischen FH andere, oder sagen wir besondere didaktische Regeln?

Grundsätzlich braucht es ein didaktisches Grundverständnis und das ist in allen Bereichen umsetzbar. Es gibt auch die Fachdidaktik, aber damit würde ich es nicht übertreiben. Natürlich haben manche Bereiche ihre Spezialitäten. In der Technik fällt mir spontan das Programmieren ein. Hier geht es vorrangig um die Praxis, um das Anwenden. Außerdem können technische Fächer sehr umfangreich sein. Hier ist es also umso wichtiger, Inhalte auf das Wesentliche zu reduzieren, um sie gut erklären zu können. Gute Erklärer schaffen es, die wesentlichen Inhalte herauszustreichen und sie so zu erklären, dass sie auch bei den Studierenden als wesentlich ankommen. Der Inhalt muss dafür gut aufbereitet, geordnet und eventuell in Kategorien eingeteilt werden.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Lehrveranstaltung aus?

Man kann auf unterschiedliche Art und Weise gute Lehre machen. Man könnte sagen, was die Studierenden am Ende können, zählt. Da wären wir bei der Lernergebnisorientierung, die ich als sinnvolles Tool betrachte, aber nicht als Allheilmittel. Aber um auf die Frage zurück zu kommen: Ganz wichtig für gute Lehre ist es, die Studierenden geistig in Schwung zu bringen, sie zu aktivieren. Das kann in Form einer Kleingruppenübung genauso gelingen, wie mit einem spannend erzählten Vortrag. Lernaktivitäten können mithilfe unterschiedlicher Methoden eingefordert werden. Wichtig ist dabei, dass möglichst alle Studierenden aktiv sind. Es reicht nicht, wenn immer dieselben mitarbeiten. Ein weiteres Kriterium für eine gute Lehrveranstaltung ist der Umgang mit dem Stoffmengenproblem. Ist das Wesentliche erkennbar? Sind die Inhalte strukturiert? Gibt es gute Beispiele? Auch der Medieneinsatz spielt natürlich eine Rolle. Mittlerweile kann man ja von einer Powerpoint-Monokultur sprechen, was sehr problematisch ist. In einer guten Lehrveranstaltung gibt es eine Mischung aus unterschiedlichen Medien. Je vielfältiger ein Sachverhalt dargestellt wurde, desto größer ist die Chance, dass die Studierenden den Inhalt später abrufen können. Profis können ein und denselben Sachverhalt aus unterschiedlichsten Perspektiven erklären.

Im Jänner haben Sie an der TU Berlin und der Ruhr-Universität Bochum einen Vortrag zum Thema gehalten. Bei Ihrer Vorstellung ist mir das Wort „Vollständigkeitsfalle“ aufgefallen. Was steckt hinter diesem Begriff?

Es gibt Personen die – aus Wertschätzung gegenüber den anderen – alles erklären, was sie zu dem Thema wissen. Das Problem besteht darin: Wenn man alles erklärt, kann man nicht ins Detail gehen, sondern alles nur oberflächlich streichen. Um der Vollständigkeitsfalle zu entkommen ist es sinnvoll, allgemeines Orientierungswissen zu geben und in ausgewählten Bereichen tiefer zu bohren.

Herr Lehner, wir haben heute viel Orientierungswissen erhalten. Eine letzte Frage habe ich noch: Wird es bald wieder ein weiteres Buch geben? Und verraten Sie schon, in welche Richtung es gehen wird.

Ja, das nächste Buch ist in Arbeit. Es hat den Arbeitstitel „Viel Prüfungsstoff – schnell gelernt“. Das Stoffmengen-Thema wird darin aus Studierendensicht behandelt. 

Das klingt sehr interessant. Wir sind gespannt! Danke für das Interview!