„Je interkultureller die Gruppe, desto leichter ist meine Arbeit“

Mag. Gabriela Schökler, Lektorin an der FHTW


Mag. Gabriela Schökler ist seit dem Jahr 2006 an der FH Technikum Wien tätig. Sie begann als freiberufliche Lektorin für Englisch in den Studiengängen, wechselte später in eine Fixanstellung und unterrichtet seither auch im Aufbaulehrgang Deutsch für Studierende ohne Matura (als Vorbereitung auf die Qualifikationsprüfung) sowie Deutsch als Fremdsprache. Am Institut für Sprachen und Kulturwissenschaften ist sie eine der KoordinatorInnen.

Frau Schökler, wer sitzt eigentlich in Ihren Kursen?

Im Aufbaulehrgang sitzen Studienwerber, die keine Matura haben – „as diverse as it can be“: Da sind welche, die die AHS kurz vor der Matura abgebrochen haben. Andere haben eine Fachschule besucht oder eine Lehre gemacht. Wieder andere kommen aus dem Ausland und verfügen über keine ausreichende formelle Qualifikation, um bei uns studieren zu dürfen. Es sind also bunt gemischte Gruppen aus Leuten mit ganz unterschiedlichen Vorkenntnissen, mit Deutsch als Muttersprache oder als Zweitsprache auf dem Ausgangsniveau B2.  Sie alle gilt es dann im Rahmen der Lehrveranstaltung weiterzuführen, sodass sie eine Sprachkompetenz erreichen, die genügt, um bei uns zu studieren und wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen. Bei den Englisch-Lehrveranstaltungen ist es uns wichtig, nicht in unterschiedliche Niveaus einzuteilen. Manche Studierende haben bereits Auslandserfahrung und sprechen sehr gut, bei einzelnen anderen ist es eher „English for runaways“. Wir betreuen sie in einer Lehrveranstaltung und das gelingt immer sehr gut, weil alle voneinander profitieren.

Wie schafft man das?

In den Benotungsrichtlinien steht „Improvement of Language Skills“. Das bedeutet also, dass mir die Bestnote nicht sicher ist, nur weil ich schon sehr gut bin, sondern dass ich mich von meinem Niveau aus verbessern soll. Wenn jemand gerade ein Jahr in den USA war, kann sich die Person trotzdem nicht zurücklehnen. Da erwarte ich dann  qualifizierte Beiträge,  beispielsweise vermehrtes Feedback für die anderen. Diese Art zu arbeiten funktioniert deshalb sehr gut, weil wir mit relativ kleinen Gruppen aus 15 Studierenden arbeiten. Da kann ich nur unseren Institutsleiter Otto Maderdonner zitieren: „Wenn es mehr werden, können wir nur mehr Chor singen.“

Welche Rolle spielt Interkulturalität in Ihren Kursen?

Interkulturalität ergibt sich durch die Kulturen, die im jeweiligen Unterrichtsraum vertreten sind. Ein bisschen Österreich ist vor allem im Deutschunterricht natürlich immer dabei, das bin ich. Aber je diverser die Gruppe ist, desto leichter ist die Arbeit für mich, weil ich mehr interkulturellen Input hab. Bei Deutsch als Fremdsprache ist es umso besser, je unterschiedlicher die Muttersprachen sind. Denn damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass in deutscher Sprache kommuniziert wird. 

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Ich komme in einen Raum. Dort sitzen zwei Südkoreanerinnen, da zwei Bulgaren und so weiter. Das Erste, was ich bei Gruppenaktivitäten mache: Jeder darf mit jedem zusammenarbeiten, vorausgesetzt, die Person hat eine andere Muttersprache. Gleichzeitig gibt es auch immer Einzelfälle, wo man merkt, da geht das nicht. Die brauchen ein Mehr an Vertrautem. Es nützt nichts, beispielweise einer koreanischen Studentin zu sagen, sie soll endlich ihr elektronisches Wörterbuch weglegen. Sie ist so an die Arbeit damit gewöhnt, dass es nicht geht beziehungsweise ich muss auch zur Kenntnis nehmen, dass sie manche Inhalte einfacher auf ihre eigene Art findet. Das hat  auch mit der Kultur zu tun. Oft kommt man im Laufe der Lehrveranstaltungen auf Dinge, an die man gar nicht gedacht hat. Deshalb liebe ich meinen Beruf so sehr, weil ich soviel dabei lernen kann.

Wo liegen die Herausforderungen?

Manches Mal ist es ein bisschen schwierig, die Muster, welche die Leute aus früheren Unterrichtserfahrungen mitbringen, aufzubrechen. Das betrifft nicht nur die Studierenden, die nach Österreich kommen, sondern auch die, die in Österreich eine Schule absolviert haben. Ganz stark merke ich das, wenn ich dazu auffordere, Feedback zu geben. Bei Präsentationen ist qualifiziertes Feedback zu geben ein Schritt, der sogar mit bewertet wird. Das fällt manchen sehr schwer, anderen aber nicht. Studierende aus dem angloamerikanischen Raum kennen das. Mir fällt ein Student ein, der aus Südamerika kommt, aber einen britischen Background hat. Er spricht entsprechend gutes Englisch, aber sitzt in den Englisch-Lehrveranstaltungen, weil es dort auch um Präsentationstechniken geht und bestimmte Texttypen wie beispielsweise Prozessbeschreibungen. Dieser Student tut sich aber auch leichter damit, konstruktives Feedback zu geben. Studierende, die aus Kulturkreisen kommen, wo das gilt, was der Lehrer sagt - Österreich eingeschlossen – erwarten eher, dass ich meinen Segen für das Feedback gebe. Und da ich selber aus diesem Kulturkreis komme, muss ich mich oft wirklich zurückhalten, damit ich das nicht auch noch tatsächlich mache.

Sie haben ausschließlich mit Studierenden und Studienwerbern aus dem technischen Bereich zu tun. Ist Technik unterschiedlichen Kulturkreisen zum Trotz nicht auch so etwas wie ein gemeinsamer internationaler Kulturkreis?

Mein eigener Background ist eigentlich von Anfang an ein technischer. Ich habe Übersetzen studiert und viele Jahre als technische Übersetzerin in einer Patentanwaltskanzlei gearbeitet. Also habe ich meine ganze Berufskarriere über mit Leuten zu tun gehabt, die im weitesten Sinne TechnikerInnen waren. Und ja, in den Kursen ist das der „common ground“, auf dem wir uns alle wiederfinden. Das ist der Bereich, wo ich die beste Chance habe, die Studierenden als gleichwürdige Partner  einzubeziehen oder ihnen sogar noch zu sagen: „I’ve no idea, you tell me, you are the engineers.“  Das  überträgt den Leuten Verantwortung und ich  kann ein bisschen etwas von meiner Kompetenz abgeben, ohne dass sie von mir erwarten, dass ich zum Schluss doch wieder das letzte Wort habe.