Vielfalt als natürliche Entwicklung – interdisziplinäre Herausforderungen an Schnittstellen

Mag. Dr. Dominik Rünzler, Leiter des Forschungsschwerpunktes Tissue Engineering
Mag. Dr. Dominik Rünzler, Leiter des Forschungsschwerpunktes Tissue Engineering

Mag. Dr. Dominik Rünzler, Leiter des Forschungsschwerpunkts Tissue Engineering, im Gespräch über Diversität in der Natur, im Team und darüber hinaus. 

Wie kam es eigentlich zum Forschungsschwerpunkt Tissue Engineering?

Begonnen hat es vor fast zehn Jahren, mit der F&E-Aufbau-Strategie von DI Dr. Kurt Woletz und dem Bachelor-Studiengang Biomedical Engineering, der ja von Anfang an neben Informatik und Elektronik auch Chemie/Biochemie als zentrale Fächer beinhaltete. Spezifische Inhalte zu Tissue Engineering waren damals im ersten  Jahrgang aber selbst in der Spezialisierung Cell & Tissue Engineering nur in Ansätzen vorhanden.

Bei der Reakkreditierung des Studiengangs im Jahr 2007 wurde zudem der Bereich „Infrastruktur und angewandte Forschung und Entwicklung“ als noch entwicklungswürdig befunden.

 

Mit der gleichzeitigen Genehmigung der FHplus Projekte NewTissue und Healthy Interoperability konnten seit 2009 sowohl  Infrastruktur als auch F&E hochgefahren werden und tragen seither nachhaltig zur Qualität der Lehre in diesem interdisziplinären Bachelor-Studiengang bei. Damit stellt dieser ein nach wie vor stark nachgefragtes Bildungsprodukt dar.

 

Die durch die Forschung angestoßene Entwicklung des Master-StudiengangsTissue Engineering and Regenerative Medicine, sowie der Spezialisierung Ökotoxikologie im Master-Studiengang Technisches Umweltmanagement und Ökotoxikologie trug dann zu einem Ausbau sowie einem Aufbau von neuen Anwendungsfeldern im Bereich bei.

Womit beschäftigen sich die MitarbeiterInnen im Forschungsschwerpunkt?

Unsere Kernkompetenzen liegen in den Gebieten Zellkulturtechniken sowie mechanische Stimulierung von Zellen und Gewebekonstrukten mittels Bioreaktoren und Stoßwellentherapie. Weiters beschäftigen wir uns mit ökotoxikologischen Methoden, insbesondere mit dem Nachweis von Umweltauswirkungen hormonaktiver Stoffe in Gewässern. 

Was haben diese Gebiete mit Diversity zu tun?

Die Natur selbst lebt von Veränderung. Neues entsteht meist an Schnittstellen im Zusammenspiel verschiedener Arten und deren Strategien. Forschung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ist interdisziplinär und erfordert ein Verständnis komplexer Zusammenhänge, sowie unterschiedliche Sichtweisen und vielfältige Arbeitsmethoden zur Beantwortung sich ergebender wissenschaftlicher Fragestellungen. Auch diese Fragestellungen selbst entstehen aus Bedürfnissen von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Lebenswelten. Und – jedeR einzelne MitarbeiterIn im Institut kann mit Ihren/seinen spezifischen Erfahrungen, Potenzialen und Ideen einen wertvollen Beitrag dazu leisten, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Position. Geforscht wird außerdem immer kollaborativ, sowohl intern im Team als auch mit externen Partnern aus dem In- und Ausland.

Wie sieht dieses „gelebte“ Gender- und Diversity“ konkret aus?

In Zahlen ausgedrückt sind derzeit 56 Prozent Frauen am Institut Biochemical Engineering beschäftigt, 20 Prozent der MitarbeiterInnen kommen von außerhalb Österreichs ( u.a. Deutschland, Spanien, USA, Polen). Wir haben von studentischen MitarbeiterInnen bis zu erfahrenen ExpertInnen mit über 60 Fachpublikationen, unterschiedlichen Ausbildungsniveaus und einer breiten Palette an Fachgebieten, sowie einem großen Anteil an MitarbeiterInnen mit Betreuungspflichten (insgesamt 15 schulpflichtige Kinder bei 25 MitarbeiterInnen) alles dabei. Auch die Führungspositionen sind mit je einer weiblichen und männlichen Leitung eines Studienganges und je einer männlichen und weiblichen Leitung eines Kompetenzteams gleich verteilt. Auch bei den Studierenden haben wir eine sehr diverse Gruppe– was uns  besonders freut. So sind etwa zwei Drittel weiblich, ca. ein Drittel sind internationale Studierende und die Studierenden verfügen über reichhaltige Erfahrungen und unterschiedliche Vorbildungen.

 

Inhaltlich gesehen ist Tissue Engineering an sich eine außerordentlich vielseitige Thematik! Bei der Entwicklung und Optimierung unserer Bioreaktor-Prototypen wechseln die Herausforderungen ständig zwischen den Kompetenzfeldern Werkstoffkunde, Elektronik, Informatik, Zellbiologie und Chemie.

Persönlich finden sich die Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen komplexen Apparaturen, handwerklichem Geschick, Auswertungen mit Bildverarbeitung – um nur einige zu nennen. Damit bleibt die Forschungstätigkeit und natürlich auch die Überführung in die Lehre stets eine Quelle von überraschenden Erkenntnissen.

Wie profitieren die Studierenden von dieser Entwicklung?

Auch in der Lehre legen wir großen Wert darauf, vielfältige didaktische und fachliche Methoden einzusetzen sowie eine enge Verknüpfung aktueller Forschung und Lehre herzustellen und den Studierenden unterschiedliche Sichtweisen näher zu bringen. Die Studierenden im Studiengang Tissue Engineering and Regenerative Medicine arbeiten in kleinen interkulturellen und gemischt-geschlechtlichen Teams zusammen – in unseren Labors ist fachlicher und persönlicher Austausch auf Englisch zwischen den Studierenden und ForscherInnen ganz natürlich!

 

Ein weiterer Punkt ist auch, dass wir versuchen individuelle Potenziale zu fördern. So bieten wir  einerseits in der Lehre flexible Projektarbeiten, die direkt an die Forschung im Institut anschließen und die für die einzelnen Teams adaptiert werden können an. Das wird speziell da wichtig, wo verschiedene Vorbildungen und Erfahrungen zusammenkommen, damit alle profitieren können. Andererseits haben wir immer eine Anzahl von studentischen MitarbeiterInnen, die direkt in den Forschungsprojekten mitarbeiten. Hier achten wir darauf, dass es Bachelor- und Masterstudierende im Team gibt und somit ein Wissenstransfer auf verschiedenen Ausbildungslevels stattfindet. Die Studierenden selbst werden auch dazu angehalten ihr erworbenes Wissen wieder weiterzugeben, indem sie zum Beispiel bei Schulworkshops oder der Betreuung von SchulpraktikantInnen im Sommer mitarbeiten. Da Forschung in diesem Bereich ohne Kooperation nicht auskommt, ist es eine wichtige Kompetenz Wissen auch anderen vermitteln zu können.

 

Besonders freut uns auch, dass wir es einigen studentischen MitarbeiterInnen ermöglichen können, schon erfolgreich an ihrer Dissertation in Kooperation mit Partneruniversitäten zu arbeiten. 

Womit beschäftigt sich das aktuelle FFG-Projekt COIN-DiseaseTissue?

Ziel dieses Projektes ist es, durch die Etablierung von In-vitro-Krankheitsmodellen (Disease Models), die auf 3-D-Knorpelkonstrukten unter mechanischer Stimulation aufbauen, den frühen Verlauf einer Osteoarthritis in der Zellkultur beobachtbar zu machen. Im speziellen soll der positive Einfluss der extrakorporalen Stoßwellentherapie im Vergleich zu den derzeit eingesetzten medikamentösen Therapien, die meist nur eine vorübergehende Schmerzlinderung bewirken, untersucht werden. Osteoarthritis tritt übrigens häufiger bei Frauen  als bei Männern auf. Die Gründe sind unklar, aber wir hoffen auch diesbezüglich zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.