Wie digitale Innovationen die Mobilitätsbranche voranbringen

Digitale Trends von KI bis Big Data und deren Anwendungen in der Mobilitätsbranche waren am 28.9. Thema der „bahnbrechend“-Diskussionsrunde.

Das Diskussionsformat „bahnbrechend“ ist eine Initiative von ÖBB-Train Tech und fand am 28.9. erstmals als Live-Event an der FH Technikum Wien statt. Am Podium fand sich dazu ein hochrangiges und rein weiblich besetztes Panel ein: FH Technikum Wien-Rektorin Sylvia Geyer, ÖBB Train-Tech-Geschäftsführerin Sandra Gott-Karlbauer, IBM Österreich-Chefin-Patricia Neumann, und Alexandra Reinagl, Geschäftsführerin der Wiener Linien diskutierten über das Thema „Digitale Trends in der Mobilitätsbranche“.

Nach der Begrüßung durch FHTW-Geschäftsführer Florian Eckkrammer und einer Vorstellungsrunde gab Rektorin Sylvia Geyer einen Einblick in die Forschungsaktivitäten in dem Themenfeld. „Vieles dreht sich bei dabei rund um das Thema Daten, die ja auch oft als das ‚neue Gold‘ bezeichnet werden“, sagt Geyer. Dabei gehe es häufig um die Betrachtung von Sensordaten: So gibt es an der FHTW Projekte, die sich damit befassen, wie man mittels Geräusch- oder Bilderkennung Wartungsnotwendigkeiten ableiten oder vorhersagen kann.

Aus Daten Wartungsvorhersagen treffen

Für die „Predictive Maintenance“ sei auch eine entsprechende Anforderungsanalyse wichtig, gibt Geyer zu bedenken: Es gelte also, bereits im Vorfeld zu überlegen, welche Daten erhoben werden müssen, um danach die richtigen Informationen für die Wartung ableiten zu können. In Bezug auf Daten sei außerdem die sogenannte Interoperabilität ein relevanter Aspekt – also die Vernetzung von Systemen.

Digitale Trends

Patricia Neumann von IBM Österreich sieht für ihr Unternehmen derzeit drei große Trendbereiche: Künstliche Intelligenz, Cloud-Lösungen und die Forschung im Bereich Quantencomputer. In der KI sei die Spitzendisziplin derzeit das Verstehen der menschlichen Sprache. Ein Beispiel dafür ist das „Project Debater“, bei dem IBM eine künstliche Intelligenz mit Menschen debattieren lässt. Im Cloud-Bereich ist für Neumann das „Edge Computing“ wegweisend, im Quantencomputer-Bereich hofft das Unternehmen, bis 2023 die „Schallmauer“ von 1000 Qubits – als Maßzahl für die Leistungseinheit – durchbrechen zu können.

Automatisierung in den ÖBB-Werkstätten

Bei ÖBB-Train Tech spielen laut Sandra Gott-Karlbauer die Automatisierung und Digitalisierung in den Werkstätten eine große Rolle – vom Erfassen von Arbeitsprozessen mittels Tablets bis hin zum 3D-Druck für Ersatzteile. Im Bereich Maintenance gehe es mittlerweile nicht mehr um das Festlegen bestimmter Wartungsintervalle, sondern darum, vorab zu erkennen, ob ein Teil gegebenenfalls ausfallen könnte. „Wir sparen auf diese Weise auch enorme Kosten.“ Und man arbeite außerdem an einer Art „Booking.com“ für das Werkstättennetz, erläutert Gott-Karlbauer: Die Züge sollen damit künftig die jeweils optimal ausgestatteten Werkstätten anfahren können, in der das richtige Material, spezifisch geschultes Personal und die passenden Anlagen verfügbar sind.

 

Nicht auf den Faktor Mensch vergessen

In Sachen Digitalisierung berichtete Wiener Linien-Geschäftsführerin Alexandra Reinagl etwa vom neuen Fahrgastinformationssystem im „X-Wagen“, der jüngsten Generation der U-Bahnzüge. Das Unternehmen arbeitet außerdem an Systemen, die mithilfe von Fahrgastdaten dazu beitragen können, Personenströme besser zu leiten. In Sachen Automatisierung sei jedoch wesentlich, den Faktor Mensch nicht zu vergessen, betont Reinagl. „Driver-less doesn´t mean human-less“, das sei im Hinblick auf fahrerlose Züge auch für die Kund*innen wichtig.

„Innovation bringt Veränderung, und diese erzeugt Emotionen. Deshalb ist es wichtig, den ‚Change‘ zu begleiten und so zu gestalten, dass er am Schluss erfolgreich ist“, ergänzt FHTW-Rektorin Geyer. „Wir vermitteln das auch in der Lehre. Wir begleiten Studierende oft im anwendungsorientierten Kontext, in realen Beispielen, gemeinsam mit Unternehmen, um solche Veränderungen umzusetzen und zu planen – fokussiert auf das, was auch am Markt benötigt wird.“

Ethische Verantwortung von Unternehmen

IBM-Chefin Neumann bringt noch einen weiteren Aspekt in die Debatte ein und betont den Auftrag für ethisches Handeln in größeren Unternehmen– dabei müsse man mitunter auch geschäftliche Interessen hintanstellen. So beschäftigt sich IBM etwa nicht mehr mit Gesichtserkennung in allgemeinen Bereichen, um sich nicht an problematischen Anwendungsfällen wie „Race Profiling“ zu beteiligen. Dabei sei jedoch Technologie per se nicht böse, betont Neumann: „Es hängt nur davon ab, wie der Mensch sie einsetzt.“

Die Skills der Zukunft

Bei der ÖBB betrifft die Digitalisierung nicht nur die Engineering-Abteilungen und die Systemtechnologie, sondern auch die Abläufe in den Werkstätten – und damit auch die klassischen Arbeiter*innen, erklärt Sandra Gott-Karlbauer. Von Mitarbeiter*innen brauche es künftig generalistischere Fähigkeiten – und dass man interdisziplinär gut zusammenarbeiten könne. Softskills wie Teamfähigkeit, positive Neugierde und lebenslange Lernbereitschaft seien in Zukunft maßgeblich, ist Gott-Karlbauer überzeugt.

Auf die Frage nach den „Skills der Zukunft“ ist für Wiener Linien-Chefin Reinagl nicht nur die Neugierde und Freude am Neuen wichtig – sondern auch Respekt vor der Erfahrung: „Ich habe gelernt, dass die besten Teams divers sind, nicht nur was die Geschlechter und Kulturen betrifft, sondern auch das Alter. Mir taugen Teams am meisten, die die jungen Wilden und die ‚Silberrücken‘ vereinen – beides ist wichtig.“ Und sie plädiert auch für „Mut zur Lücke“ und zum Scheitern – dies müssten allerdings die Führungskräfte auch zulassen.

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