Technik gleichberechtigt und diversifiziert umsetzen

Peter Franz und Harald Wahl beschäftigen sich im Projekt EU-ASCIN mit Smart Cities. Im Interview erklären sie, warum Verkehr und Energie eng mit Gender und Vielfalt einhergehen.

Im Rahmen des von der Stadt Wien geförderten Projektes EU-ASCIN wird ein akademisches Smart Cities Netzwerk aufgebaut. Die Teilbereiche des Themas Smart Cities, nämlich Smart Energy, Smart Environment und Smart Mobility, sollen verstärkt ins Lehrangebot unserer Hochschule sowie internationaler Partnerhochschulen einfließen. Nicht nur Technik spielt hier eine Rolle, wissen FH-Prof. DI Harald Wahl und FH-Prof. DI Peter Franz im Interview zu berichten. Beschäftigt man sich mit den smarten Städten der Zukunft, befasst man sich zwangsläufig auch mit Vielfalt und Veränderung der Gesellschaft.

Harald Wahl (links) und Peter Franz

Wie stellen Sie sich eine Smart City vor? Was sollte eine Smart City Ihrer Meinung nach im Bereich Mobilität bieten?

Harald Wahl: Im Rahmen der Smart Cities wollen wir uns an der FH insbesondere in den Bereichen Energie und Mobilität positionieren. Zur Mobilität gibt es unterschiedliche Zugänge: Muss ich weit zur Arbeit pendeln oder wohne ich gegenüber? Bringe ich meine Kinder in die Schule? Mit dem eigenen Auto? Verschiedene Kulturen, Einkommensverhältnisse und Gewohnheiten führen zu unterschiedlichem Mobilitätsverhalten.

Peter Franz: Im Energiebereich muss man sich zuerst einmal die Rolle ansehen, die Städte hier spielen: Weltweit 50 Prozent der Menschen leben in Städten. In der EU und Österreich liegt das Verhältnis sogar bei 80 Prozent. Dort muss also der größte Anteil der Energie zur Verfügung gestellt werden. Bisher basiert die Energieversorgung auf der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle. Um in Städten künftig eine hohe Lebensqualität sicherzustellen, müssen wir zwei Ziele erreichen: Erstens massiv mit dem Energieverbrauch runtergehen. Das gelingt am besten in Gebäuden, dort liegt das Einsparungspotenzial teilweise bei über 80 Prozent. Zweitens müssen wir den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien schaffen. Das bedeutet dann auch eine hohe Luftgüte, weniger Emissionen und bessere  Lebensqualität.

Wie werden diese Themen im Projekt EU-ASCIN in Angriff genommen?

Wahl: Das Thema Smart City mit den Teilaspekten Mobilität und Energie soll in Lehre und Forschung verankert werden. Wir werden eine Lehr- und Lernplattform entwickeln und ein akademisches Netzwerk im Donauraum aufbauen. Wir suchen die Internationalisierung und profitieren hier auch vom Netzwerk der Hochschule Ulm. Schließlich hört Smart City nicht an der Stadt- oder an der Landesgrenze auf.

Franz: Derzeit bieten wir eine Ausbildung im Bereich Erneuerbare Energietechnologien (Bachelor) und Erneuerbare Energiesysteme (Master) mit Fokus urbaner Raum an. Das beginnt bei Solarenergien, geht über Umweltwärme, Geothermie, Grundwassernutzung bis hin zum intelligenten vernetzten Energiesystem. Das Thema Smart Sities geht über Technologienutzung aber weit hinaus. Es geht unter anderem um eine Kombination von Energie, Architektur, Stadtplanung, bis hin zur Einbeziehung von Nutzeraspekten in gemischten Bevölkerungsschichten. Außerdem soll sich die Internationalisierung in der Ausbildung durch das Netzwerk der Donauhochschulen und anderen Partneruniversitäten in Metropolen verstärken – von einer rein technischen hin zu einer integrativen Ausbildung unter einem breiteren Blickwinkel.

Inwieweit sprechen Sie in der Lehre damit vielleicht mehr weibliche Studierende an als mit klassischen technischen Themenfeldern?

Wahl: Beim Bachelor-Studiengang Verkehr und Umwelt merken wir das bereits, hier liegt der Frauenanteil im ersten Semester bei ca. 40 Prozent, das ist ausgesprochen hoch für einen technischen Studiengang. Die unterschiedlichen Perspektiven können nur bereichernd sein.  

Franz: Mit Architektur und gestalterischen Aspekten sprechen wir natürlich auch Frauen stärker an. Wir wollen unbedingt den derzeitigen Anteil von etwa 15 Prozent in der Ausbildung erhöhen. Darüber hinaus haben wir gesehen, dass wir mit dem Beitrag der Solararchitektur mehr Interdisziplinarität bekommen, also nicht nur verstärkt Frauen, sondern vielschichtigere Bevölkerungsgruppen anziehen als bisher. 

Harald Wahl (links) und Peter Franz

Inwieweit hängen Diversity und die Stadt der Zukunft zusammen?

Franz: In der Entwicklung von Städten geht es nicht nur um ein eindimensionales Wachstum, sondern auch um Internationalisierung, Zuwanderung und verschiedene soziale Schichten. Wir müssen deshalb den Umbau hin zu erneuerbaren Energien auch leistbar gestalten.

Wahl: Da spielen auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Wie und wann muss ich wo zur Arbeit? Ich muss allen BürgerInnen eine Mobilität gewährleisten, die sie sich leisten können und die effizient und benutzbar ist. Solange es billiger ist, mit dem Auto irgendwohin zu fahren, werde ich es tun, vielleicht auch, wenn ich länger brauche. Und die Art der Wege, die zurückgelegt werden, sind für jede Person unterschiedlich und bringen unterschiedliche Anforderungen ans Zeitmanagement.

Wie haben Sie Gender & Diversity in das Projekt EU ASCIN integriert?

Franz: Wir sind an das Thema ein bisschen unbedarft herangetreten. Ich möchte nicht sagen, dass wir beide das Thema im Blut haben. Aber wir haben uns des Themas mit Hilfe kompetenter Fachkräfte im eigenen Haus und extern durch den Verein Wimen angenommen. Wir möchten einfach im Projekt der Verantwortung gerecht werden, dass wir nicht Technik für Männer oder Wohlhabende machen, nicht Technik für Reiche, sondern dass wir es gleichberechtigt und diversifiziert umsetzen. 

Wahl: Auch die Zusammensetzung des Teams hinsichtlich Altersstruktur, thematischer Vorbildung oder auch Anreisezeiten sind durchaus unterschiedlich. Da ist etwa eine gut funktionierene Kommunikation etwa durch IT Unterstützung gefragt.

Wann sind Sie persönlich zum ersten Mal mit den Themen Gender & Diversity in Berührung gekommen?

Franz: Ganz konkret hat mich das in meiner gesamten Ausbildung betroffen. Von der Grundschule über die Reifeprüfung bis zum Studium ist immer stärker die männerdominierte Technikwelt in den Vordergrund gerückt. Das hat klare Nachteile gebracht, weil man in Sachen Problemlösung im Studium die ausgleichende, vielseitige Sichtweise gefehlt hat. Technik nur von Männern für Männer funktioniert nicht, deshalb ist der Weg der Öffnung zur Vielseitigkeit hin ganz wichtig. 

Wahl: Ich war auf einem Gymnasium, das noch ein paar Jahre davor eine reine Mädchenschule war. Beim Studium der Technischen Mathematik hat sich das dann wieder umgekehrt. In den ersten Semestern, in denen noch viele Vorlesungen gemeinsam mit den Lehramtsstudierenden ablaufen, waren die Gruppen besser durchmischt. Das war befruchtend und man konnte eindeutig besser lernen. Und später im Beruf waren die Teams dann immer recht bunt zusammengewürfelt. 

Wien, Oktober 2014