Vielfalt erkennen und berücksichtigen

Benedikt Salzbrunn, MSc leitet das Stadt Wien Kompetenzteam Usability von IT. Gemeinsam mit Veronika Winter, MSc und Dominik Dolezal, MSc beschäftigt er sich mit der Gebrauchstauglichkeit von Systemen. Menschen sind vielfältig, deshalb müssen Produkte unterschiedlichen  Anforderungen gerecht werden.

Der Fokus des Forschungsprojekts liegt auf „Usability von IT in den Bereichen Klimaschutz, Ressourceneffizienz und demografischer Wandel“.  Damit soll das Angebot hochwertiger Qualifizierungsmöglichkeiten in den für die Wirtschaft besonders relevanten Zukunftsbranchen verbessert werden. Usability von Hard- und Software fließt als Querschnittsthema in den Lehrbetrieb verschiedener Studiengänge ein und schlägt sich etwa in Studierenden-Projekten wie der Evaluierung des Portals buergerkarte.at nieder. Außerdem finden die Methoden aus dem Bereich Eingang in Schulworkshops. 

Benedikt Salzbrunn im Gespräch

Was bedeutet eigentlich Usability?

Es geht darum, angenehme und frustfreie Bedienung von Produkten oder Abläufen zu ermöglichen, ganz gleich ob Hard- oder Software, Bestellprozess oder Produktionsstraße, TV-Fernbedienung oder Smartphone-App. Gute Usability führt zu erfolgreichen und beliebten Produkten, welche auf die individuellen Anforderungen von Menschen eingehen.

Was verstehen Sie unter Diversity? Und was verbindet Ihrer Meinung nach Usability mit Diversity?

Für mich persönlich bedeutet Diversität, Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Menschen zu erkennen, zu berücksichtigen und zu nutzen. Gute Usability benötigt eine intensive Auseinandersetzung mit den späteren BenutzerInnen – genau zugeschnitten auf ihre persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten. Dementsprechend muss gerade auf die Diversität geachtet werden, vor allem wenn unterschiedliche Zielgruppen mit ein und demselben System zurechtkommen müssen. Einfaches Beispiel: ein Fahrkartenautomat. Den müssen Pendler, Schüler, Gelegenheits-ÖffinutzerInnen, aber auch PensionistInnen und TouristInnen gleichermaßen bedienen können. 

Wie kamen Sie als Leiter des Kompetenzteams Usability mit Gender und Diversity in Berührung?

Innerhalb der Usability-Wahlfächer gab und gibt es immer einen sehr hohen Frauenanteil, bis zu 50 Prozent – das freut uns natürlich sehr. Im Zuge eines Zertifizierungskurses ist mir zum ersten Mal richtig klar geworden, was nun konkret die Unterschiede zwischen Gender-, Diversity- und Frauenförderungsmaßnahmen sind. Außerdem ist unser Team sehr vielfältig aufgestellt, mit Veronika Winter als kreativem Kopf, Dominik Dolezal als vielseitigem Entwickler sowie meinen  kommunikativen und organisatorischen Stärken.

Hat Diversity für Sie in Usability-Fragen einen Mehrwert? Wenn ja, warum?

Diversity und Usability sind wichtige Konzepte, die aber nach wie vor oftmals unterschätzt werden. Oberflächlich betrachtet handelt es sich hier vor allem um qualitative Aspekte, die gerade im technischen Umfeld mitunter schwer in Zahlen gefasst werden können. Der Mehrwert für Usability entsteht dadurch, dass Diversity die Zielgruppendefinition unterstützt, beispielsweise bei der Erstellung von Personas. Hier gibt es viel Potential für die Nutzung aller Diversity Dimensionen.

Sie sprechen von „Personas“. Was ist das eigentlich?

Statt abstrakte Zielgruppen zu formulieren, mit denen EntwicklerInnen nicht viel anfangen können, erstellt man Archetypen als beispielhafte Systemnutzer. Es ist bedeutend schwieriger für „Pensionisten“ zu entwickeln, als für die 70jährige Elfriede, die gerne Sport treibt, oft mit Zug oder Bahn verreist und viel mit ihren Enkelinnen unternimmt. Bei der Erstellung muss darauf geachtet werden, dass aus Stereotypen keine Vorurteile werden. Es ist beispielsweise in Ordnung, wenn Elfriede schon schlechter sieht und vielleicht sogar leicht zittert. Aber sie darf nicht herabwürdigend als „grantige Oma“ dargestellt werden. In solche „Fallen“ tappt man rasch, zumeist ohne böse Hintergedanken.

Wie reagieren denn die Studierenden, wenn Sie über Gender- und/oder Diversityfragen sprechen?

Eine explizite Erwähnung wird oft belächelt, nicht zuletzt die FH-weite verpflichtende geschlechterneutrale Schreibweise als eine der ersten Maßnahmen sorgt für Unverständnis und eine ablehnende Haltung. Wir präsentieren Gender- und Diversity nicht als eigenen Bereich, sondern versuchen, die Ideen dahinter subtil in allen Bereichen unserer Lehrveranstaltungen einzubauen und so Diversity und Gender als „selbstverständlich“ zu kommunizieren.

Gibt es auch externe Partner, mit denen Sie in diesem Bereich zusammenarbeiten?

Seit 2013 läuft eine Kooperation mit dem Verein  „Zentrum für Interaktion, Medien & soziale Diversität“. Wir haben den Verein bei der Erstellung eines Leitfadens zu „Gender & Diversity, Usability und Testing als Qualitätssicherung von Websites und Apps“ (G-U-T Guideline) unterstützt. Die Guideline richtet sich an EntwicklerInnen und wurde als Leitfaden entwickelt, um unterschiedliche Menschen mit Apps und Websites möglichst gut anzusprechen und zu erreichen. Dabei spielen vor allem die Faktoren Gender & Diversity, Usability als auch Testing eine wichtige Rolle.

Eine Frage zum Abschluss: was wünschen Sie sich für Ihren Bereich?

Dass die einzelnen Bereiche unserer Fachhochschule, seien das Institute, Studiengänge oder auch Servicestellen, mehr zusammenarbeiten, mehr kommunizieren und dadurch voneinander profitieren. Es gibt bereits viele erfolgreiche Kooperationen, diese gilt es zu verankern und auszubauen.

Wien, September 2014