Technikfolgenabschätzung: „Es reicht nicht, dass es funktioniert“

Ein Mann mittleren Alters mit kurzen grauen Haaren, Brille und Bart lächelt leicht. Er trägt ein dunkles Hemd und ist vor einem neutralen, hellen Hintergrund zu sehen.

02. März 2026

FHTW-Experte Jaro Krieger-Lamina im Interview über menschenzentrierte Technologien.

Jaro Krieger-Lamina ist Senior Lecturer/Researcher im Kompetenzfeld Resilient Energy Systems der Fakultät Industrial Engineering und Experte für Technikfolgenabschätzung. Im Interview erklärt er seinen Bereich:

Was ist Technikfolgenabschätzung?

Jaro Krieger-Lamina: Technikfolgenabschätzung ist ein inter- und transdisziplinäres Forschungsfeld, das sich mit den Auswirkungen von Technologien auf Gesellschaft, Umwelt, Recht, Wirtschaft und andere Bereiche beschäftigt. Es analysiert auch den Technikentwicklungsprozess, um Einflussfaktoren besser zu verstehen. Ziel ist es, Gesellschaft und Politik zu beraten, um nicht intendierte Folgen der Technologieentwicklung zu vermeiden und eine gesellschaftlich erwünschte Zukunft zu fördern.

Wie relevant ist Technikfolgenabschätzung an einer praxisorientierten Technologieausbildungsstätte?

Ich glaube, dass Technikentwicklung heute mehr denn je darauf angewiesen ist, das große Ganze zu sehen. Es reicht nicht, eine rein technisch funktionale Lösung zu finden. Man muss verstehen, wie sich diese auf verschiedene Stakeholder auswirkt – bis hin zu den einzelnen Entwickler*innen, die erkennen müssen, wo ihre Verantwortung im Prozess liegt. Wenn man Technikentwicklung auf diese reflektierte Weise angeht, entstehen robustere und bessere Ergebnisse, die auch am Markt auf mehr Akzeptanz stoßen.

Stichwort Akzeptanz: Hier passiert im Bereich Erneuerbare Enerigen an unserer Hochschule einiges.

Es ist entscheidend, die Lebensrealität der Menschen zu verstehen, die mit der Technologie leben und sie anwenden sollen. Man muss ihnen einen Zugang schaffen, der es ihnen ermöglicht, die Technologie optimal zu nutzen. Das reicht von der Überwindung von Vorbehalten, die aus unterschiedlichen Quellen stammen, bis hin zur Frage, was die Menschen wirklich brauchen. Oft werden ausgefeilte Interfaces für Power-User entwickelt, aber viele Menschen wollen einfach nur Strom und eine warme Wohnung. Die Herausforderung besteht darin, sie dort abzuholen, wo sie stehen, und ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Technik mit dem Menschen im Fokus, diesen Ansatz gibt es an der FHTW fakultätsübergreifend.

Technikfolgenabschätzung bietet nicht nur Analyse, sondern auch eine Art Kommunikationsplattform. Sie übernimmt eine Vermittlerrolle und fungiert als Brücke zwischen verschiedenen Perspektiven und Sprachen. Es gibt viele Beispiele aus der Vergangenheit, die zeigen, wie wichtig diese Rolle ist. Vor über zehn Jahren gab es etwa ein Projekt, das die Bevölkerung in nicht-urbanen Gebieten kommunikativ anbinden und mit Shared Mobility unterstützen wollte. Der Ansatz war, den Test-User*innen Laptops zu geben, da man dachte, das wäre das universellste Tool. Doch die Umsetzung scheiterte, weil die Menschen nicht wussten, wie sie die Geräte nutzen sollten. Ein Beispiel: Eine ältere Frau hatte den Laptop mit einem Spitzendeckchen und einem Blumenstrauß dekoriert, weil sie keinen praktischen Nutzen darin sah. Das zeigt, wie wichtig es ist, das Ziel im Auge zu behalten. Eine elegante technische Lösung bringt nichts, wenn sie keine Akzeptanz findet.

Künstliche Intelligenz entwickelt sich derzeit sehr schnell. Wie herausfordernd ist das für Ihren Bereich?

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass KI-Systeme statistische Maschinen sind, auch wenn ihre Interfaces oft so gut sind, dass sie fast menschlich wirken. Das kann problematisch sein, da Menschen gerne kausale Zusammenhänge sehen möchten. Wenn man das im Blick behält, wird klarer, wo KI sinnvoll eingesetzt werden kann und wo nicht. Beispielsweise funktioniert KI hervorragend bei Mustererkennung, etwa in der Unterstützung von erfahrenen Patholog*innen. Sie kann jedoch auch für negative Zwecke wie die Produktion von Fake News genutzt werden, die gezielt auf einzelne Personen zugeschnitten sind – ähnlich wie personalisierte Werbung. Bei der Automatisierung durch KI in Unternehmen bin ich skeptisch. Hier gibt es Herausforderungen, etwa wenn aufgrund der Möglichkeiten durch KI weniger Berufsanfänger*innen eingestellt werden sollen, während Mitarbeiter*innen auf Senior Level umso wichtiger werden. Und gefährlich wird es überall dort, wo es um Chancen im Leben, Sicherheit oder Gesundheit geht.